Deutscher Gewerkschaftsbund

29.09.2020
Podcast

Die USA im Schatten ihres Präsidenten

Hallo und willkommen beim Gegenblende Podcast, heute wieder mit einer neuen Folge unserer Kolumne ABC mit Renée. In dieser Woche drängt sich wie so oft ein Thema auf: die USA und Donald Trump. Renée Zucker hat sich daher für den Buchstaben G entschieden, G wie Gericht, wie Gartenpartie oder eben auch Gier. Nichts davon kann unsere Kolumnistin wirklich heiter stimmen, im Gegenteil.

Kolumnen-Text:

Für mich kam das deprimierendste Bild der letzten Woche aus dem First-Lady-neu-gestalteten Garten des Weißen Hauses: der im frischen Möhrenton getannte Präsident stellte launig einer ebenso gestimmten Partygesellschaft seine temporäre Lieblingskatholikin vor, die im Supreme Court die verstorbene Richterin-Ikone Ruth Bader Ginsburg ersetzen soll. Natürlich will die Mother of Seven nichts weniger als das. Zu notorious. Oder wie es eine Userin auf Twitter formulierte: "RBG wird von einer Frau ersetzt, die durch jede Tür ging, die Ginsburg für sie geöffnet hat, um ihre Position sofort dafür zu nutzen, alle Türen, für die, die nach ihr kommen, wieder zu schließen."

Frisch und fromm stand die aktivistische Abtreibungsgegnerin lachend neben einem Mann, dem sehr viele Frauen - die Zahlen schwanken zwischen 25 und 45 -  sexuelle Übergriffigkeit bis hin zur Vergewaltigung vorwerfen. Das scheint aber in der Glaubenskongretation der Nominierten keine Sünde, erst recht keine Todsünde zu sein, oder wie Karlsson vom Dach sagen würde: "Das stört doch keinen großen Geist".

Die zukünftig lebenslange Bundesrichterin Amy Coney Barrett macht jedenfalls nicht den Eindruck, als sei ihr die Nähe zum Unhold unangenehm. Auf zierliche Gartenstühlchen platziert freuten sich weitere erfolgreiche weiße Frauen mit ihr an jenem Wesen, dass seine offensichtliche Unmännlichkeit durch besonders grimmige, knatschige oder angeekelte Mimik zu kompensieren sucht. Affige Handhaltungen, die ihm immer wieder rausrutschen, untergraben allerdings sein Täuschungsvorhaben.

Sie dulden den kriminellen Emporkömmling, solange er ihnen nutzt

Unter den für diesen Anlass besonders sittsam dasitzenden Gartenpartyanwesenden war auch der heiße Feger  Kellyanne Conway, ebenfalls katholische Abtreibungsgegnerin, Mother of 4, (von denen sich eine heranwachsende Tochter sehr ausführlich auf Twitter zu familiärem Missbrauch geäußert hat), ehemalige aber immer noch sehr präsente Präsidentenberaterin, auch "Spokes-Cobra" genannt, und Erfinderin des mittlerweile unter Diktatoren weltweit beliebten Genres "alternative Fakten".

Bevor der Präsident Präsident und damit ihr Arbeitgeber wurde, rügte sie 2016 die Erlangung seines (heute muss man ja sagen "vermeintlichen") Reichtums auf dem Rücken der kleinen Leute, beklagte die vielen, von ihm Betrogenen und forderte die Offenlegung seiner Steuererklärung. Jetzt hat sie Zeit, sie zu lesen. Und hier sind wir bei dem Punkt, warum mich dieses Bild einer doch offenbar friedlichen Gruppe gut erzogener weißer Amerikaner in einem akkurat gestriegelten Garten so deprimiert: es war  niemand unter ihnen, der auch nur den Hauch eines ehrlichen, herzlichen, ja nicht einmal neutralen Gefühls für dieses orangene Hormongespenst verströmte, dass seinem unbequemen Bauchweg-Korsett durch alle möglichen Schieflagen und Stände am Rednerpult zu entkommen sucht. Niemand mag ihn, selbst der nach ihm benannte Sohn imaginiert Vaterliebe nur, wenn er voll bedröhnt auf Twitter deliriert. Sie dulden diesen kriminellen Emporkömmling, seine schlechten Manieren und seine Demütigungen, weil sie nur in seinem Windschatten etwas darstellen. Sie lernen von ihm und seiner Hässlichkeit. Hat jemals einer diesen Präsidenten lachen gesehen?

Wer hätte gedacht, dass man mal die CIA vermissen würde

Und als ob dies alles nicht schon traurig genug wäre, haben es diese personifizierte Lieblosigkeit, die ständig sich selbst entlarvende scheinheilige Verlogenheit und die bewusste  und schamlose Kriminalität geschafft, ein so großes, Land of the Brave and Free klein und eng zu machen. Und viele Länder folgen bewusstlos. Wie oft mag sich in den letzten drei Jahren in den entlegensten Winkeln dieser Welt jemand nach der verhassten CIA von einst gesehnt haben, die ohne großes Trara Missliebiges um die Ecke brachte. Egal wo, egal wen. Wir hätten sogar betroffen gesagt: Unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen.

Dieses schöne, weite Land, dass mich lehrte, Musik zu empfinden, Geschichten zu hören, Stimmen zu erkennen, in Landschaften und an Horizonten zu ertrinken, Vielfältigkeit zu genießen, Großzügigkeit zu ersehnen, das Land, dessen Subkultur meine Jugend prägte und die Türen für alle ankommenden Container of Multitudes bis ins Alter öffnete, ist klein und eng und böse geworden. Weiße, gierige Frauen mit Haifischlächeln auf kleinen Stühlchen im knapp rasierten Garten.

 

Die gesamte zehnte Duineser Elegie von Rainer Maria Rilke erzählt von dieser Katastrophe. Sie endet:

"Und wir, die an steigendes Glück
denken, empfänden die Rührung,
die uns beinah bestürzt,
wenn ein Glückliches fällt. "

Jetzt hilft Wissenschaftliches, das auch zauberhaft ist

Was man lesen sollte? Etwas ganz anderes. Etwas Wissenschaftliches, etwas Zauberhaftes. Wenn einer Merlin Sheldrake heißt und in "Verwobenes Leben" über die geheimnisvolle Welt der Pilze schreibt, dann muss es der Sohn von Rupert Sheldrake sein, einer der Helden meiner Jugend, der einst vom Gedächtnis der Natur und den morphogenetischen Feldern erzählte - und hier kommt sein Sohn mit dem schönen Namen und schreibt über Wesenheiten, von denen bis heute nicht klar ist, ob sie wirklich Pflanzen sind - immerhin können sich manche von ihnen fortbewegen. Das verbindet sie mit den Viren, von denen auch nicht sicher ist, ob sie nicht vielleicht auch Lebewesen sind. In Zeiten, in denen alle auf Viren starren, sollten wir die Mycele nicht vergessen - unterirdische, unsichtbare, alte Geflechte, oft über große Flächen - im Kleinen auch gern auf dem Camembert, die mehr in unserem Leben bestimmt, als wir zu wissen glauben.


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Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

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