Deutscher Gewerkschaftsbund

16.11.2020

Türkische Täuschung bei Corona

Der Lockdown light soll die Covid-19-Pandemie eindämmen helfen - und das wahrscheinlich länger als bisher gedacht. Die Coronazahlen könnten niedriger sein, wenn die Bundesregierung vier türkische Regionen schon vor Monaten zu Risikogebieten erklärt hätte. Sie vertraute auf manipulierte Zahlen der Türkei, die Experten schon lange für offenkundig zu niedrig hielten.

 

Von Frank Nordhausen

Stromkasten mit einem Schild, auf dem ein Totenkopf prangt und in Türkisch steht: Lebensgefahr.

Eigentlich hätte die Türkei der Welt schon seit Frühjahr in der Corona-Krise signalisieren müssen, was auf diesem Schild steht: Lebensgefahr! DGB/rene de paula jr./Flickr

Die Wahlen in den USA haben einen außen- und gesundheitspolitischen Skandal in Berlin aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt – den Zickzackkurs des Auswärtigen Amtes (AA) um die Corona-Reisewarnungen für die Türkei. Seit vergangener Woche gilt die gesamte Türkei wieder als Corona-Risikogebiet. Damit hat das Außenministerium eine umstrittene Ausnahme von der Türkei-weiten Reisewarnung, die Anfang August für vier touristische Mittelmeerprovinzen erlassen wurde, wieder aufgehoben. Als Grund nannte das AA, dass die Türkei trotz wiederholter Aufforderung ihre Covid-19-Infektionsdaten nicht nach den Regeln der Weltgesundheitsorganisation (WHO) publiziere. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Die Bundesregierung wollte es anscheinend nicht so genau wissen

Ende September war bekannt geworden, dass die Regierung in Ankara in ihren offiziellen Zahlen die bei Weitem größte Gruppe unterschlägt: die auf Covid-19 positiv getesteten Menschen ohne Symptome, die gleichwohl hoch ansteckend sein können. Das Zurückrudern des Ministeriums bedeutet jetzt das Aus für den so genannten sicheren "Reisekorridor" in die bei Touristen beliebten Küstenprovinzen Antalya, Aydin, Izmir und Mugla. Die Tricksereien aus Ankara beschädigen das Image des Landes enorm und werden sich auch auf die Saison 2021 auswirken.

Aus dem Auswärtigen Amt heißt es dazu, dass die Voraussetzung für die Aufhebung der Reisewarnung unter anderem "das Vorliegen einer transparenten und verlässlichen Datenbasis über das Infektionsgeschehen im Land" gewesen sei. "Maßgeblich waren dabei die bis dahin nach Kenntnis der Bundesregierung auch in der Türkei geltenden Standards, gemäß derer auch asymptomatische Krankheitsfälle mit erfasst und an die WHO gemeldet wurden." Dies werde aber in der Türkei seit Ende Juli 2020 nicht mehr gemacht – also exakt dem Zeitpunkt der Aufhebung der Reisewarnungen.

Hat die Bundesregierung es nicht besser gewusst? "Sie hat sich von ihrem türkischen Partner bösartig täuschen lassen oder wider besseres Wissen aus Opportunitätsgründen gehandelt. Denn es gab im Juli schon Warnungen renommierter Wissenschaftler, dass die türkischen Zahlen nicht korrekt waren", sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen. "Es ist gut, dass die Reisewarnung endlich wieder erlassen wurde." Andererseits zeigt es, dass die damalige Maßnahme weder Hand noch Fuß hatte und man der Türkei nur einen Gefallen tun wollte, um den Tourismus anzukurbeln.

Leere Straße mit Markständen rechts und links.

Die Türkei befand sich schon vor der Covid-19-Pandemie ökonomisch in der Krise. Da jetzt auch noch der wichtige Tourismus-Sektor eingebrochen ist, wird auch die Lage für Präsident Erdogan immer schwieriger. DGB/Luigi Guarino/Flicker

Tatsächlich sind die falschen Corona-Zahlen der Türkei keine Überraschung. Die Linke hatte ebenso wie der türkische Ärztebund TTB schon seit April auf Manipulationen bei den offiziellen Infektionsdaten aus Ankara hingewiesen. Damals forderten türkische Oppositionsabgeordnete den Gesundheitsminister Fahrettin Koca auf, die extreme Diskrepanz zwischen städtischen Sterbedaten und den offiziellen Corona-Zahlen zu erläutern – eine Antwort erhielten sie nie. Auch meldeten Krankenhäuser landesweit wesentlich höhere Infiziertenzahlen nach Ankara, als sich dann in der offiziellen Statistik wiederfanden. Statt auf die Argumente einzugehen, drohte die Regierung dem Ärztebund mehrfach mit juristischen Schritten.

Allein im September wurden 350.000 Coronafälle in der Türkei verschwiegen

Unter Bezug auf die TTB-Informationen hatte Sevim Dagdelen die Bundesregierung im Juli aufgefordert, keine Ausnahmen von der generellen Türkei-Reisewarnung zuzulassen. Das Außenamt aber ignorierte alle Mahnungen und hob Anfang August seine Reisewarnung und die 14-tägige Quarantänepflicht für Reiserückkehrer für die vier Küstenregionen der Türkei auf. "Das war total unverantwortlich, denn die gesamte Türkei war und ist ein Corona-Risikogebiet", sagt Dagdelen.

Berlin reagierte auf die Täuschungsmanöver aus Ankara erst, als diese nicht mehr zu leugnen waren. Ende September postete der Abgeordnete Murat Emir von der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP auf Twitter ein Dokument, wonach es am 10. September 29.377 positive Corona-Tests in der Türkei gab – während die Statistik des Gesundheitsministeriums für diesen Tag nur 1.512 Fälle auswies.

Nach dieser Enthüllung musste Gesundheitsminister Koca auf einer Pressekonferenz am 30. September schließlich zugeben, entgegen den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit Ende Juli nicht die Zahl der positiv getesteten Personen veröffentlicht zu haben. Er räumte ein, dass er stattdessen die weit geringere Zahl der Patienten angegeben hatte, die sich in ärztliche Behandlung begaben, weil sie Krankheitssymptome zeigten. Koca erklärte, dass von etwas über 104.000 täglichen PCR-Tests nicht nur 1,5 Prozent wie offiziell angegeben, sondern in Wahrheit rund 10 Prozent positiv seien. Während seine Statistik täglich 1.400 bis 1.500 neue Fälle registrierte, lagen die echten Infektionszahlen also spätestens seit dem 29. Juli bei mehr als 10.000 Fällen – ein gewaltiger Unterschied.

Und das ist noch nicht alles: Obwohl der Minister die Bezeichnung der täglich publizierten Corona-Fälle ab dem 29. Juli von "neue Fallzahl" in "neue Krankenzahl" umbenannte, gingen die Zahlen seltsamerweise gar nicht zurück. Der TTB-Vorsitzende Sinan Adiyaman zog daraus den einzig logi-schen Schluss und erklärte, die Regierung habe die Zahlen offensichtlich bereits vor der Änderung der Methodologie manipuliert und das wahre Ausmaß der Pandemie seit dem Frühjahr bewusst verschleiert. "Das ist die Anerkennung von dem, was wir Ärzte seit Monaten sagen", sagte Adi-yaman dem exiltürkischen Internetportal Ahval. Wenig später stellte der Verband in einem Bericht über die ersten ersten sieben Monate der Coronavirus-Pandemie fest, dass die tatsächliche Infi-ziertenzahl rund zehn Mal so hoch sei wie offiziell angegeben und die Türkei weltweit zu den am stärksten von Corona getroffenen Ländern gehöre. Laut Schätzung der Ärztekammer hatte Kocas Ministerium allein im April und September mindestens 350.000 Infektionsfälle verschwiegen.

Der türkische Gesundheitsminister sitzt am Schreibtisch, im blauen Anzug und mit weißer Gesichtsmaske.

Immerhin trägt der türkische Gesundheitsminister schon mal eine Gesichtsmaske. Doch über die Coronazahlen in der Türkei hat er monatelang nicht die Wahrheit gesagt. DGB/Archiv

Die WHO reagierte umgehend auf den Skandal und forderte Ankara auf, die Corona-Zahlen ab sofort nach UN-Standards zu veröffentlichen. Dagegen rechtfertigte sich Koca mit dem Argument, der Schutz nationaler Interessen habe für seine Regierung die gleiche Bedeutung wie der Gesundheitsschutz der Bevölkerung. Damit meinte er wohl, dass die Türkei unbedingt weiter als sicheres Urlaubsziel gelten sollte, um die Tourismusbranche und die schlingernde türkische Wirtschaft insgesamt nicht noch mehr zu schädigen. Nicht nur die WHO, auch die britische Regierung reagierte sofort auf das Täuschungsmanöver. Am 2. Oktober, zwei Tage nach Kocas Eingeständnis, strich die Londoner Regierung die Türkei aus ihrem Katalog sicherer Reiseländer. Seitdem müssen sich aus der Türkei nach Großbritannien einreisende Personen zwei Wochen in Selbst-Quarantäne begeben, bei Zuwiderhandeln drohen Strafen von umgerechnet bis zu 11.000 Euro. Tausende Urlauber waren betroffen.

Die Covid-19-Infektionszahlen in der Türkei steigen exponentiell

Und die Bundesrepublik? Ließ sich Zeit. Zwar verlautbarte das Auswärtige Amt Anfang Oktober, man nehme die Enthüllungen aus der Türkei „sehr ernst“, doch wurden die Reisehinweise mehr als einen Monat lang nicht verändert. Wie aus dem AA zu erfahren ist, warnte das Berliner Ministerium die türkische Regierung Anfang Oktober in einer mündlichen Mitteilung, zu einer ehrlichen Zählweise umzuschwenken. "Wir haben die türkische Regierung unverzüglich nach Bekanntwerden der Äußerungen des türkischen Gesundheitsministers aufgefordert, die Meldung sowie Veröffentlichung der Daten wieder an internationale Standards anzupassen", da eine erhebliche Zahl von Infizierten nicht erfasst werde, heißt es. Doch Ankara reagierte nicht – nicht einmal, als Außenminister Heiko Maas Mitte Oktober die deutschen Bedenken persönlich in der türkischen Botschaft in Berlin vortrug.

Trotzdem widerrief der Außenminister die Ausnahmeregelung für Antalya, Aydin, Izmir und Mugla erst zum 9. November, einem Zeitpunkt, an dem die Saison ohnehin gelaufen war. Da Ankara die Statistik nicht geändert habe, sei "eine verlässliche Bewertung des tatsächlichen Infektionsgeschehens in der Türkei nicht möglich", hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Damit sei eine zentrale Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Ausnahmeregelung nicht mehr gegeben. Bisher hat die Bundesregierung aber nicht schlüssig erklärt, warum eine verlässliche Bewertung des Infektionsgeschehens in der Türkei zuvor möglich war.

Die Bundesregierung habe sich bewusst täuschen lassen, um dem türkischen Präsidenten Erdogan aus politischen Gründen einen Rabatt beim Gesundheitsschutz gewähren zu können, vermutet Sevim Dagdelen. "Die gesamte Türkei ist ein Risikogebiet, epidemiologisch wie politisch."

Derweil steigen die Infektionszahlen in der Türkei exponentiell im Rahmen der gefürchteten "zweiten Corona-Welle". Die Intensivstationen in Istanbuler Krankenhäusern sind überfüllt und können seit vergangener Woche keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Offiziell hat die Türkei bisher rund 414.000 Erkrankte und etwa 11.500 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 eingeräumt. In Wahrheit seien es mehr als doppelt so viel Infizierte, und viele Corona-Tote würden mit anderen Diagnosen wie "Lungenentzündung" gar nicht erst in der Statistik auftauchen, vermutet der Ärzteverband TTB. Ali Babacan, Chef der oppositionellen Deva-Partei, sprach am Wochenende von "real 30.000 bis 40.000 täglichen Corona-Infektionen". Doch das Gesundheitsministerium in Ankara verbreitet weiterhin "Fake News" und täuscht die Öffentlichkeit über das wahre Ausmaß der Pandemie.


Nach oben

Kurzprofil

Frank Nordhausen
Journalist und Buchautor, arbeitet seit 2011 als Auslandskorrespondent, erst in Istanbul, jetzt in Nikosia für die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau und andere deutschsprachige Zeitungen.
» Zum Kurzprofil

Gegenblende Podcast

Karikatur mit einem Mann und einer Frau die an einem Tisch sitzen, auf dem Mikrofone stehen.

DGB/Heiko Sakurai

Der Gegenblende Podcast ist die Audio-Ergänzung zum Debattenmagazin. Hier sprechen wir mit Experten aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Arbeitswelt, es gibt aber auch Raum für Kolumnen und Beiträge von Autorinnen und Autoren.

Unsere Podcast-Reihen abonnieren und hören.

Gewerkschaftlicher Infoservice

Der einblick infoservice liefert jede Woche aktuelle News und Fakten aus DGB und Gewerkschaften.

Zur Webseite www.dgb.de/einblick

@GEGENBLENDE auf Twitter

Zuletzt besuchte Seiten