Deutscher Gewerkschaftsbund

14.05.2020

Lernen in Zeiten der Coronakrise

Es ist nicht abzusehen, wann Schulen wieder normal unterrichten können. Derzeit simulieren sie Unterricht, indem die SchülerInnen ab und zu vorbeikommen dürfen. Diese Entscheidung der Kultusminister ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Stattdessen sollten die Schulen entscheiden, wer digital lernen kann und wer Präsenzangebote braucht.

 

Von Elke Hannack

Grundschüler sitzen einzeln an Tischen hintereinander und tragen Atemschutzmasken. Eine Lehrerin, auch mit Maske, zeigt dem Schüler in der ersten Reihe etwas in seinem Buch.

Die Schulen müssen sich jenen öffnen, die im Homeschooling nicht wirklich erreicht werden, indem sie regelmäßige Beratungsgespräche anbieten. Gerade Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine Computer und Rückzugsräume haben, brauchen Präsenzangebote. DGB/Oksana Kuzmina/123rf

Eines ist derzeit leider unbestreitbar: Die moderne Pädagogik kommt in der Corona-Pandemie an ihre Grenzen. An ein halbwegs normales Schulleben ist nicht zu denken, wenn Schülerinnen und Schüler an Einzeltischen Distanz wahren müssen, im Gänsemarsch mit dem gebotenen Abstand zum Händewaschen gehen und auf Schulfluren Einbahnstraßenregelungen gelten, damit Kinder und Jugendliche sich nicht zu nahe kommen. Schon gemeinsame Arbeit mit dem Sitznachbarn oder in kleinen Gruppen ist jetzt Utopie. Und über den Fluren hängt der heimelige Duft von Desinfektionsmitteln (falls vorhanden). Diese Atmosphäre tut den Schülerinnen und Schülern nicht gut.

Ohne Impfstoff oder wirksame Medikamente kann es keinen normalen Unterricht geben

Schlimmer noch trifft es Kinder, die zur Risikogruppe zählen. Sie werden notgedrungen auf absehbare Zeit kein Klassenzimmer besuchen können. Isolation statt Inklusion – auch das ist bittere Folge der Pandemie. Schon nach dem ersten Anfahren der Schulen berichten die Lehrkräfte, dass es den Kindern kaum gelingt, Abstand zu halten. Nicht so sehr im Klassenzimmer, vor allem aber auf den Fluren und in der Pause. Was geschieht, wenn noch mehr Jahrgänge in die Klassen strömen? Feiern wir dann Corona-Partys auf dem Schulhof?

Es ist Zeit, ehrlich einzuräumen: Die allermeisten Schulen haben nicht die räumlichen und hygienischen Bedingungen für den Normalbetrieb. Bis ein Impfstoff oder wirksame Medikamente entwickelt werden, kann es keine Normalität an unseren Schulen geben. Vielmehr gilt der pädagogische Ausnahmezustand. Und das trotz des großen Engagements der Lehrkräfte.

In einer solchen Lage gibt es keine richtigen Lösungen, sondern nur schlechte und weniger schlechte Wege. Die Kultusminister stecken in der Zwickmühle. Die widerstreitenden und berechtigten Erwartungen der Familien, die sich nach Entlastung sehnen, der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler, die für sich einen echten Infektionsschutz beanspruchen, die Interessen der Betriebe und Beschäftigten, die endlich wieder ihrem Broterwerb nachgehen wollen und auch müssen – das alles lässt sich nicht unter einen Hut bringen.

Weltkarte mit den Zahlen der Infizierten, grafisch dargestellt durch rote Kreise.

Die Covid-19-Pandemie fordert nach wie vor neue Opfer. Die Zahl der Infizierten steigt nicht mehr so stark, aber es ist noch keine Ende in Sicht. DGB/Johns Hopkins University

Es lassen sich auch nicht die erhofften bundesweiten Lösungen von der Stange entwerfen. Unterm Strich können die Länder nur einen groben Rahmen schaffen, zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen an den mehr als 30.000 Schulen im Land. In ihrer Not haben die Kultusminister aber eine Lösung gewählt, die nichts Halbes und nicht Ganzes ist. Bis zu den Sommerferien sollen alle Schülerinnen und Schüler zumindest kurz im Klassenzimmer vorbeischauen, um  Unterricht zu simulieren. Diese Variante mag gerecht erscheinen, sie zählt aber zu den schlechteren der möglichen Lösungen. Sie bietet Familien keine verlässlichen Perspektiven, sie hilft Beschäftigten und Betrieben nur sehr begrenzt, ein sicherer Infektionsschutz ist nicht gewährleistet – und vor allem: die Frage gleicher Bildungschancen bleibt unbeantwortet.

150 Euro für Tablet oder Laptop ist gut, reicht aber längst nicht aus

Da es ohnehin eine Illusion ist, dass alle Schülerinnen und Schüler bald zur Schule gehen und dort wirklich lernen können, gehört jetzt ein anderer Aspekt in den Mittelpunkt. Die Schulen müssen sich jenen öffnen, die im Homeschooling nicht wirklich erreicht werden, indem sie regelmäßige Beratungsgespräche anbieten. Gerade Kinder und Jugendliche, die zu Hause keine Computer und Rückzugsräume haben, brauchen Präsenzangebote – und zwar unabhängig von der Klassenstufe oder davon, ob eine Prüfung ansteht. Sonst droht die soziale Kluft an den Schulen sich zu vertiefen.

Wer solche Präsenzangebote benötigt, können die Lehrkräfte am besten selbst entscheiden. Sie sehen, wer schon in den vergangenen Wochen nicht bei den Videokonferenzen aufgetaucht ist oder sich auf die per Mail verschickten Aufgaben nicht gemeldet hat. Für die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die zum Unterricht kommen können, sollte jede Schule eine eigene Obergrenze festlegen. Je nach den Möglichkeiten der Schulbauten. Es macht wenig Sinn, ständig wechselnde Gruppen für kurze Zeit in Schichten durch Schulgebäude zu schleusen. In festen Gruppen lassen sich Hygieneroutinen und Abstandsregelungen leichter einhalten.

Und selbstredend braucht es einen Schub für das digitale Lernen. Wenn die Bundesregierung jetzt Kindern aus ärmeren Familien einen Zuschuss von 150 Euro für Tablet oder Laptop geben will, ist das ein guter Schritt, reicht aber längst nicht aus. Die Länder müssen diese Summe aufstocken.

Immerhin eine gute Nachricht gibt es für die Schulen: "Die Reinigung aller schulischen Räume, insbesondere aber der Sanitäreinrichtungen, muss mit größter Sorgfalt erfolgen", empfehlen die Kultusminister in schönstem Amtsdeutsch. Lehrkräfte und Schülerschaft dürften jedenfalls Augen machen, wenn nach der Corona-Pause plötzlich Einmal-Handtücher, Seife und saubere Toiletten auf sie warten. Und vielleicht hilft das auch den Reinigungskräften, die oft unter extremen Zeitdruck und zu kargem Lohn die Schulen putzen. Denn auch sie brauchen in jedem Fall mehr Anerkennung und eine bessere Bezahlung für ihre wichtige Arbeit.


Wir brauchen ein Programm für mehr Chancengleichheit, damit sich Bildungsbenachteiligung und soziale Spaltung über die nächsten Generationen nicht weiter verschärfen. Dafür hat der DGB Empfehlungen verabschiedet.


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Kurzprofil

Elke Hannack
ist seit dem 1. Juni 2013 stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
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