Deutscher Gewerkschaftsbund

30.07.2020

Wirtschaftsagenda für die Zukunft

Wir müssen ändern, was wir produzieren, wie wir es produzieren und wer bei diesen Entscheidungen ein Mitspracherecht hat. Dies erfordert nicht nur langfristige neue politische Strategien, sondern bereits Reformen am bestehenden System.

 

Von Dani Rodrik

Kontrollraum mit vielen Bildschirmen auf Schreibtischen und an der Wand, Männer in blauen Overall überwachen das Geschehen, teils sitzend, teils stehend.

Für die moderne Industrie müssen die Unternehmen mehr Verantwortung für die notwendige Bildung und Fortbildung ihrer Mitarbeitenden übernehmen. DGB/BASF/Flickr

Die Covid-19-Pandemie hat die ohnehin tiefen sozialen Spaltungen und Ungleichheiten in der Weltwirtschaft verschärft. Als Reaktion darauf mehren sich die Stimmen derjenigen, die weitreichende Reformen verlangen. Wenn selbst in Davos die Forderung nach einer "globalen Neuordnung des Kapitalismus" laut wird, dann wissen wir, dass sich etwas ändern dürfte. Es gibt dabei einige Vorschläge, die sich wie ein roter Faden durch die politischen Agenden ziehen: So sollen Regierungen die Bildungs- und Ausbildungsprogramme modernisieren, um Arbeitskräfte besser auf die neuen Technologien und die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorzubereiten. Der soziale Schutz und die Sozialversicherungen sollen ebenfalls verbessert werden, insbesondere für Arbeitnehmer in der Gig-Wirtschaft und bei atypischen Arbeitsverhältnissen.

Eine radikale Wende in der Wirtschaftspolitik ist nötig

Ganz allgemein erfordert der Rückgang der Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern neue Formen des sozialen Dialogs und der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Eine besser konzipierte progressive Besteuerung muss eingeführt werden, um der zunehmenden Einkommensungleichheit entgegenzuwirken, die Anti-Monopolpolitik neu belebt werden, um einen stärkeren Wettbewerb zu gewährleisten, insbesondere im Hinblick auf soziale Medienplattformen und neue Technologien. Zu Recht mussten sich die Chefs von Amazon, Apple, Facebook & Co deswegen gerade einer Anhörung im US-Kongress stellen. Außerdem gilt es den Klimawandel offensiv anzugehen. Die Regierungen sollten eine größere Rolle bei der Förderung neuer digitaler und grüner Technologien spielen.

Zusammengenommen würden diese Reformen die Art und Weise, wie unsere Volkswirtschaften funktionieren, grundlegend verändern. Doch sie verändern weder das Narrativ darüber, wie Marktwirtschaften funktionieren sollten, noch stellen sie eine radikale Wende in der Wirtschaftspolitik dar. Am kritischsten ist, dass sie sich der zentralen Herausforderung entziehen, der wir uns stellen müssen: der Neuorganisation der Produktion. Unsere wirtschaftlichen Kernprobleme – Armut, Ungleichheit, Ausgrenzung und Unsicherheit – haben viele Wurzeln. Sie reproduzieren und verstärken sich tagtäglich im Verlauf der Produktion, als unmittelbares Nebenprodukt der Entscheidungen der Unternehmen über Beschäftigung, Investitionen und Innovation.

In der Sprache der Ökonomen sind diese Entscheidungen von "Externalitäten" durchdrungen: Sie haben Folgen, die auf andere Menschen, Unternehmen und Teile der Wirtschaft übergreifen. Externe Effekte können positiv sein: Denken Sie an Lern-Spillovers aus Forschung und Entwicklung, die allgemein anerkannt sind – und die Grundlage für Steuergutschriften und andere öffentliche Subventionen bilden. Offensichtlich negative Externalitäten sind die Umweltverschmutzung und die Auswirkungen von Treibhausgasemissionen auf das Klima.

Zu solchen Spillovers gehören auch so genannte "good jobs"-Externalitäten. "Gute Arbeitsplätze" sind solche, die relativ stabil sind und gut genug bezahlt werden. Sie bieten einen angemessenen Lebensstandard mit einer gewissen Sicherheit und Ersparnissen, sichere Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten für den beruflichen Aufstieg. Unternehmen, die diese Arbeitsplätze schaffen, tragen zur Vitalität ihrer Gemeinschaften bei.

Im Gegensatz dazu ist ein Mangel an guten Arbeitsplätzen oft mit hohen sozialen und politischen Kosten verbunden: zerrüttete Familien, Drogenmissbrauch und Kriminalität sowie sinkendes Vertrauen in Regierung, Experten und Institutionen. Die Folgen sind eine parteipolitische Polarisierung und populistischer Nationalismus. Es gibt auch klare wirtschaftliche Ineffizienzen, da produktivitätssteigernde Technologien nach wie vor in einigen wenigen Firmen zu finden sind und sich nicht verbreiten, was zu einem schwachen Gesamtlohnwachstum beiträgt.

Wandtafel mit Stichworten zur Digitalisierung in Unternehmen, aufgeschrieben in unterschiedlichen Farben.

Unternehmen wie Gewerkschaften befassen sich schon länger mit der Produktion der Zukunft. Die Corona-Krise dürfte die Entwicklung zu noch mehr Digitalisierung beschleunigen. DGB/Intelliact/Flickr

Die Entscheidungen der Unternehmen darüber, wie viele Arbeitnehmer sie beschäftigen, wie viel sie bezahlen und wie sie die Arbeit organisieren, wirken sich nicht nur auf das Endergebnis aus. Wenn ein Unternehmen beschließt, seine Produktionslinie zu automatisieren oder einen Teil seiner Produktion in ein anderes Land auszulagern, erleidet die lokale Gemeinschaft langfristigen Schaden, der von seinen Managern oder Aktionären nicht "verinnerlicht" wird.

Es braucht eine Strategie, die gute Arbeitsplätze direkt schaffen hilft

Ein Großteil unseres derzeitigen Denkens wie auch des traditionellen Modells des Wohlfahrtsstaates in von dem Gedanken geprägt, dass "gute Arbeitsplätze" allen Menschen mit angemessenen Qualifikationen zur Verfügung stehen werden. Aus dieser Perspektive ist die geeignete Strategie zur Förderung der Eingliederung eine Strategie, die Ausgaben für Bildung und Ausbildung, ein progressives Steuer- und Transfersystem und eine Sozialversicherung gegen individuelle Risiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit und Behinderung kombiniert.

Aber wirtschaftliche Unsicherheit und Ungleichheit sind heute strukturelle Probleme. Langjährige Trends in Technologie und Globalisierung höhlen die Mitte der Beschäftigungsverteilung aus. Die Folge sind immer mehr schlechte Arbeitsplätze, die keine Stabilität, keine ausreichende Bezahlung und keinen beruflichen Aufstieg bieten, sowie dauerhaft schwache Arbeitsmärkte außerhalb der großen Ballungszentren.

Die Bewältigung dieser Probleme erfordert eine andere Strategie, die gute Arbeitsplätze direkt schaffen hilft. Es sollte die Aufgabe der Unternehmen sein, die von ihnen verursachten wirtschaftlichen und sozialen Spillover-Effekte zu internalisieren. Daher muss der produktive Sektor im Zentrum der neuen Strategie stehen.

Um es ganz klar zu sagen: Wir müssen ändern, was wir produzieren, wie wir es produzieren und wer bei diesen Entscheidungen ein Mitspracherecht hat. Dies erfordert nicht nur langfristige neue politische Strategien, sondern bereits Reformen am bestehenden System.

Aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zur Verbesserung der Qualifikationen und der Beschäftigungsfähigkeit sollten auf Partnerschaften mit Unternehmen ausgeweitet werden und ausdrücklich auf die Schaffung guter Arbeitsplätze abzielen. Industrie- und Regionalpolitik konzentriert sich gegenwärtig oft auf Steueranreize und Investitionssubventionen. Das muss durch maßgeschneiderte Unternehmensdienstleistungen und -einrichtungen ersetzt werden, um die Schaffung von möglichst vielen Arbeitsplätzen zu erleichtern.

In einem gläsernen Turm stehen Autos rund um einen Lichthof. Ein Lift kann sie greifen und zur Auslieferung transportieren.

Die Industrie zeigt bisweilen gern und strahlend, wie sie sich Zukunft vorstellt. Doch ohne enge Zusammenarbeit der Sozialpartner lässt sie sich nicht gut gestalten. DGB/Simone M. Neumann

Nationale Innovationssysteme müssen neu gestaltet werden, um Investitionen in neue Technologien beschäftigungsfreundlicher auszurichten. Und die Bekämpfung des Klimawandels, etwa mit dem European Green Deal, sollte ausdrücklich mit der Schaffung von Arbeitsplätzen in benachteiligten Gemeinden verknüpft werden.

Wachstums- und die sozialpolitische Agenda müssen eins werden

Eine neue Wirtschaftsordnung erfordert Gegenleistungen zwischen privaten Unternehmen und öffentlichen Behörden. Um gedeihen zu können, brauchen die Unternehmen zuverlässige und qualifizierte Arbeitskräfte, eine gute Infrastruktur, ein Ökosystem von Lieferanten und Mitarbeitern, leichten Zugang zu Technologie und ein solides System von Verträgen und Eigentumsrechten. Die meisten davon werden durch öffentliches und kollektives Handeln gewährleistet. Das ist die Aufgabe der Politik.

Die Regierungen wiederum brauchen Unternehmen, um die verschiedenen externen Effekte zu internalisieren, die ihre Arbeits-, Investitions- und Innovationsentscheidungen für ihre Gemeinden und Gesellschaften erzeugen. Die Firmen müssen ihren Teil der Abmachung einhalten – als Teil eines expliziten Regulierungs- und Governance-Systems.

Vor allem muss eine neue Strategie die traditionelle Trennung zwischen wachstumsfreundlicher Politik und Sozialpolitik aufgeben. Schnelleres Wirtschaftswachstum erfordert die Verbreitung neuer Technologien und produktiver Möglichkeiten unter kleineren Firmen und breiteren Segmenten der Erwerbsbevölkerung, statt ihren Einsatz auf eine enge Elite zu beschränken. Und bessere Beschäftigungsaussichten verringern Ungleichheit und wirtschaftliche Unsicherheit wirksamer als steuerliche Umverteilung allein. Einfach ausgedrückt, die Wachstums- und die sozialpolitische Agenda müssen eins werden.

 


Aus dem Englischen von Daniel Haufler / © Project Syndicate, 2020


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Kurzprofil

Dani Rodrik
lehrt als Professor für International Political Economy an der John F. Kennedy School of Government der Harvard Universität.
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