Deutscher Gewerkschaftsbund

28.08.2023

Maschinenstürmer: „Pöbelexzesse“ gegen Künstliche Intelligenz?

Der Autor Gavin Mueller schlägt in seinem Buch eine Bewegung im Geist der alten Maschinenstürmer vor, um Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz vor der Logik ökonomischer Macht zu schützen. Gegenblende-Autor Peter Kern hat sich das Buch genauer angeschaut.

Maschinenstürmer

Midjourney / Gegenblende

Die in diesem Buch vorgetragene Gegenposition zu den Hymnen auf künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, ChatGPT oder das Internet of Things fehlt in der öffentlichen Debatte. Wird dieser Kontrapunkt aber in der Weise dieses Manifests gesetzt, kann die Kritik einpacken, denn dann stolpert sie über ihre Sektiererei. Zwar lässt sich der Autor von den hippen Schlagworten das kritische Denken nicht verbieten, aber mit diesem Denken ist es zugleich nicht sehr weit her.

Gavin Mueller weist zu Recht darauf hin, dass sich technische Innovation keinem interesselosen Wohlgefallen, sondern einem ökonomischen Interesse verdankt. Der Presserummel um die Innovation ist Teil der Anstrengung, sie durchzusetzen. Es geht um staatliche Forschungsgelder, die akquiriert werden wollen, oder um das Anpreisen von Anwendungsmöglichkeiten. So ist Industrie 4.0 ein bald genial zu nennendes, vor zehn Jahren erfundenes Marketinglabel gewesen, eine Produktionsweise, die durchgehende Digitalisierung der Produktions-, Administrations- und Vertriebsprozesse versprach und in den wenigsten deutschen Betrieben bisher wirklich zur Anwendung gekommen ist. Als Internet of Things erlebt das Label gegenwärtig ein Upgrading, aber es fällt ihm schwer, in der Konkurrenz mit der künstlichen Intelligenz (KI) zu bestehen.

Die KI gilt als Mittel, die Bürobereiche - neudeutsch Corporate Center - weiter zu verschlanken. BASF, Bayer, Daimler, Deutsche Bank, Lufthansa, SAP und Siemens haben in der jüngsten Vergangenheit administratives Personal in Tausendergröße abgebaut, und dieser Abbau wird mit GPT et altera weitergehen. Jede standardisierte, repetitive Routinearbeit, jede in einen logisch gebauten Satz übersetzbare Arbeitsanweisung, lässt sich automatisieren. Der per Sprachbefehl initialisierte Algorithmus prüft, ob alle Bewerbungsunterlagen vorhanden sind, ob ein Zahlendreher eine Überweisung blockiert, ob der Kunde eine Reklamation zu Recht geltend macht. Die klassischen Angestelltenabteilungen werden ausgedünnt: Controlling, Personalverwaltung, Finanzbuchhaltung. Es ist demnach davon auszugehen, dass eine Technologie wie ChatGPT sich auf Büroangestellte sehr viel bedrohlicher auswirkt als auf Arbeiter.

Der Geist der alten Maschinenstürmer

Automatisierung ist das Mittel, und der Zweck ist es, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen; der Autor erinnert an diesen gerne vergessenen Zusammenhang. Aber seine Technologiekritik kennt nur schwarz oder weiß. Die Technologie sei im Kern patriarchalisch, lautet sein kritischer Topos; die Überwachung am Arbeitsplatz per digitaler Technik sei total, lautet ein weiterer. Solche Sätze klingen selbst, als wären sie von einem Algorithmus diktiert. Von Empirie nicht angekränkelt sind Urteile über Fachgebiete, die dem an der Universität in Amsterdam unterrichtenden Kulturwissenschaftler verschlossen sind: Die Computertechnik, schreibt er, habe die Chirurgie in eine Krise geführt, weil sie verhindere, dass die Fingerfertigkeit der künftigen Chirurgen sich ausbilde. Der Computer mache ungeschickt. Dabei ist das Gegenteil richtig: Die Robotik ist in der Medizintechnik äußerst hilfreich; sie macht aus einem mittelmäßigen Operateur einen sehr guten, so die Ansicht von Fachleuten. Der Da Vinci-Computer beispielsweise, eingesetzt bei der Prostata-Resektion, hat die Folgeschäden dieses diffizilen Eingriffs sehr reduziert.

Der alten Arbeiterbewegung galten der Fortschritt der Menschheit und der technische Fortschritt als identisch. Wer wollte heute noch eine solche Sicht einnehmen? Dieses Buch formuliert die völlige Gegenthese, und diese ist genauso verkehrt. Der technologischen Entwicklung sei die Verwandlung der Gegenwartsgesellschaft in einen totalen Überwachungskapitalismus anzulasten. Das höchste Stadium dieser Entwicklung manifestiere sich in der Computertechnologie. Seit sie die Arbeitsverhältnisse umgewälzt habe, durchdringe die Logik ökonomischer Macht noch die Psyche der Menschen. Dagegen helfe nur, eine Bewegung im Geist der alten Maschinenstürmer. Ein Weberaufstand 2.0 schwebt dem Unidozenten vor.

Kampf gegen die Maschine

Sprechend der Untertitel des Buchs: Autonomie und Sabotage. Sein Autor nimmt Bezug auf die Ludditen, englische Vorläufer der schlesischen Weber, sich gegen die Fabrikarbeit zur Wehr setzende, gleichsam wie Freimaurer agierende, dabei Gewalt gegen Sachen wie Menschen ausübende Geheimbündler. Marx nennt ihren Aufstand gegen die von Wasser und Dampf mechanisierten Sägemühlen und Webstühle „Pöbelexzesse.“ Als Historiker der bürgerlichen Gesellschaft äußert er in Das Kapital Verständnis für die „brutale Revolte des Arbeiters gegen das Arbeitsmittel“, aber als Kritiker der Verhältnisse geht ihm dieses Verständnis ab. Die dem Verwertungsimperativ unterworfene Maschinerie mache die Arbeitskraft unverkäuflich, „wie außer Kurs gesetztes Papiergeld.“ Er spricht von der „Dummheit… nicht die kapitalistische Anwendung der Maschinerie zu bekämpfen, sondern die Maschinerie selbst.“ Diese Dummheit wird in diesem Buch zur Klugheit geadelt.

Marx hatte einen Kapitalismus vor Augen, dessen Einhegung durch das Bürgerliche Gesetzbuch darin bestand, die Arbeit von dreizehnjährigen Kindern auf zwölf Stunden am Tag zu begrenzen. Der Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft wird in diesem Buch ausgiebig zitiert, aber sein Autor hat keinen historisch bestimmten Begriff von Technik, sondern einen abstrakten. Damit landet man eher bei dem Philosophen der deutschen Rechten, Martin Heidegger und seinem ‚Gestell‘, als bei dem Moralisten Marx.

Dem Darknet einen Kranz

In das vom Autor bevorzugte schwarz-weiß Raster ist die von ihm vorgeschlagene politische Strategie eingeklemmt: Es soll eine markige, von einem hasenfüßigen Reformismus abgesetzte Radikalität sein. Der Reformismus – die Politik der Gewerkschaften - hintertreibe „die Bildung einer militanten kämpfenden Klasse.“ Gewährsleute kompromissloser Politik sind ihm die Syndikalisten, die Anarchisten, die Black Panther Party. Hier seien die Wurzeln einer unverfälschten Widerständigkeit zu finden. Es ist das Klischeebild eines Widerstandes, mehr abgezogen aus der von Hollywood-Filmen gelieferten Bebilderung, als aus der Geschichte dieser Bewegungen, deren Totenglocke regelmäßig läutete, sobald sie ihr Heil in gewaltförmigen Aktionen suchten.

Der Autor feiert die „Hacker-Kultur“. Mit dem Allerweltswort Kultur lässt sich heute alles adeln. Vandalismus sei „angenehm…für die Zerstörenden.“ Sein Romantizismus lässt ihn noch dem Darknet einen Kranz winden; es sei „ein Raum ohne Überwachungskapitalismus.“ Herr Mueller, der Hochschullehrer, propagiert Sabotageakte. Man kann nur hoffen, die von brennenden SUV’s und Müllcontainern faszinierten Kids in Leipzig Connewitz und Berlin Neukölln lesen sein Buch nicht. Sie würden sich bestätigt finden. Dieser Glorifizierung von Gewalt eignet ein großes Maß an Unverantwortlichkeit.

Das Extreme berührt sich, lautet ein sehr weiser Satz. In diesem Buch kann man ihn bestätigt finden. Mueller will eine „wirksame radikale Politik“ auf den Weg bringen, ihr „historische Tiefe, theoretische Raffinesse und politische Relevanz“ verleihen. Er klopft sich selbst auf die Schulter, und en passant erledigt er die „Gewerkschaftsbürokratie“, die er als „gehirngewaschen“ bezeichnet. Gegen Ende seiner Apologie des lustigen Maschinenstürmens schreibt er, „…dass mein Argument nicht auf einem Lebensstil, dass es nicht einmal auf einer Ethik basiert, sondern auf Politik.“ Wahrlich, es ist ein auf Ethik Verzicht leistendes Politikverständnis, das hier propagiert wird. Sein Erfinder heißt Carl Schmitt. Von ihm, dem Staatsrechtler, stammt das von den Nationalsozialisten begeistert aufgenommene Postulat, in der Politik hätten moralischen Kategorien nichts zu suchen, da ginge es nur um Freund oder Feind.

Das besprochene Buch hat eine erhellende Passage zu bieten; es geht dabei um das vom Autor eingeklagte Recht auf Reparatur. Ein solches Recht stünde konträr zur vorherrschenden Geschäftspolitik, auf Ersatzteillager und Servicetechniker zu verzichten, weil man darin einen Abzug vom Gewinn wittert. Genial an der Genius-Bar von Apple ist es doch, dem aufkreuzenden Kunden das Neugerät mit dem Hinweis aufzuschwätzen, das kaputte zu reparieren, lohne nicht. Die Masse der Elektrogeräte kommt unter diesen Auspizien auf den Markt und verlässt den Markt wieder per Ex und Hopp. Für ein Recht auf Reparatur sind das Europa-Parlament und die Europäische Kommission vermutlich zu haben. Gesetzt, es treten Akteure auf, die den Prozess der Gesetzgebung anstoßen und bis zu einem guten Ende begleiten. Aber das wäre ja Reformismus.

Mueller, Gavin, Maschinenstürmer, Autonomie und Sabotage, Hamburg 2022, Edition Nautilus Flugschrift, 231 Seiten, 20 Eur


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Kurzprofil

Peter Kern
ist Leiter einer Schreibwerkstatt. Davor war langjährig politischer Sekretär beim Vorstand der IG Metall.
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