Deutscher Gewerkschaftsbund

21.12.2021

Zeit für eine Reform des globalen Finanzsystems

Kreditvergabe an Entwicklungsländer

Eine Überarbeitung des globalen Finanzsystems ist längst überfällig, findet der US-Ökonom Jeffrey Sachs. Er fordert: Entwicklungsländer mit guten Wachstumsaussichten und dringendem Entwicklungsbedarf sollten verlässlich und zu anständigen Marktbedingungen Kredite aufnehmen können.

Bürger in Ghana würden von internationaler Kreditvergabe profitieren

flickr/WorldRemit Comms CC BY-SA 2.0

Ghana ist trotz Ansätzen zur Industrialisierung ein Agrarland. Viele Menschen leben von der Subsistenzwirtschaft. Einige können vom Anbau von Obst und Gemüse etwas hinzuverdienen, wie etwa dem Verkauf von Melonen. Von einer gerechteren internationalen Kreditvergabe könnte das afrikanische Land massiv profitieren und in eine bessere Zukunft für die rund 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger investieren.

Weltfinanzsystem behindert den Geldfluss in Entwicklungsländer

Auf dem Weltklimagipfel im letzten Monat sagten hunderte von Finanzinstituten zu, Billionen von Dollar zur Finanzierung von Lösungen zur Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung zu stellen. Doch gibt es dabei ein wichtiges Hindernis: Das Weltfinanzsystem behindert den Geldfluss in die Entwicklungsländer und wird so für viele zur tödlichen Finanzfalle.

Wirtschaftliche Entwicklung ist von Investitionen in drei wichtige Arten von Kapital abhängig: Humankapital (Gesundheit und Bildung), Infrastruktur (Strom, Digitalwesen, Verkehr und Stadtentwicklung) und Unternehmen. In den ärmeren Ländern ist das Niveau pro Person für jede dieser Kapitalarten niedriger, und sie können, wenn sie in ausgewogener Weise in alle investieren, daher potenziell auch schneller wachsen. Dieses Wachstum kann und sollte heutzutage grün und digital sein und die starken Umweltbelastungen vergangener Tage vermeiden.

Die weltweiten Anleihemärkte und Bankensysteme sollten ausreichend Geld für eine wachstumsstarke Aufholphase nachhaltiger Entwicklung zur Verfügung stellen. Aber das geschieht nicht. Der Geldfluss von den weltweiten Anleihemärkten und Banken in die Entwicklungsländer bleibt niedrig, für die Kreditnehmer kostspielig und instabil. Kreditnehmer in Entwicklungsländern zahlen häufig Zinsen, die um 5-10% p. a. über denen der reichen Länder liegen.

Kreditvergabe an Entwicklungsländer

Kreditnehmer aus Entwicklungsländern werden per se als hohes Risiko betrachtet. Die Rating-Agenturen, die Anleihen bewerten, weisen Ländern, nur weil sie arm sind, anhand einer mechanischen Formel niedrigere Ratings zu. Doch sind diese hohen Risikoeinschätzungen übertrieben und werden häufig zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Wenn eine Regierung Anleihen ausgibt, um öffentliche Investitionen zu finanzieren, verlässt sie sich im Allgemeinen darauf, dass sie diese Anleihen bei Fälligkeit ganz oder teilweise umschulden kann, sofern ihre langfristige Schuldenentwicklung im Verhältnis zu den Staatseinnahmen annehmbar ist. Stellt die Regierung bei Fälligkeit der Anleihen plötzlich fest, dass sie das nicht kann, muss sie wahrscheinlich den Zahlungsausfall erklären – nicht aus Arglist oder aufgrund langfristiger Zahlungsunfähigkeit, sondern weil sie in dem betreffenden Moment nicht genug Liquidität hat.

Dies ist etwas, was viel zu vielen Regierungen von Entwicklungsländern widerfährt. Die internationalen Kreditgeber (oder die Rating-Agenturen) gelangen – häufig willkürlich – zu der Ansicht, dass Land X nicht mehr kreditwürdig ist. Dies führt zu einem „plötzlichen Stopp“ der Kreditvergabe an die betreffende Regierung. Ohne Anschlussfinanzierung ist die Regierung zum Zahlungsausfall gezwungen, was die vorangegangen Befürchtungen dann „rechtfertigt“. Die Regierung wendet sich dann in der Regel für einen Notkredit an den Internationalen Währungsfonds. Die Wiederherstellung ihres weltweiten finanziellen Rufs dauert normalerweise Jahre oder gar Jahrzehnte.

Reichen Länder droht selten ein Kreditstopp

Regierungen reicher Länder, die international in ihren eigenen Währungen Kredite aufnehmen, sind nicht denselben Risiken eines plötzlichen Kreditstopps ausgesetzt, weil ihre Notenbanken als Kreditgeber letzter Instanz fungieren. Kredite an die US-Regierung gelten nicht zuletzt deshalb als sicher, weil die US Federal Reserve auf dem offenen Markt US-Schatzanleihen aufkaufen kann und so faktisch sicherstellt, dass die Regierung fällig werdende Schulden prolongieren kann.

Sofern die Europäische Zentralbank als Kreditgeber letzter Instanz einspringt, gilt dasselbe für die Euroländer. Als die EZB diese Rolle im unmittelbaren Gefolge der Finanzkrise von 2008 kurzzeitig nicht erfüllte, verloren mehrere Euroländer (darunter Griechenland, Irland und Portugal) vorübergehend den Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Nach diesem Debakel – einer Nahtoderfahrung für die Eurozone – weitete die EZB ihre Funktion als Kreditgeber letzter Instanz aus, verfolgte durch massive Ankäufe von Anleihen aus der Eurozone eine quantitative Lockerung und verbesserte so die Kreditbedingungen für die betroffenen Länder.

Die reichen Länder nehmen Kredite also im Allgemeinen preisweit in eigener Währung auf und haben – außer in Momenten außergewöhnlichen politischen Missmanagements (wie seitens der US-Regierung 2008 und der EZB kurz danach) – kaum ein Liquiditätsrisiko. Einkommensschwache Länder und Länder niedrigen mittleren Einkommens dagegen nehmen Kredite in Fremdwährungen auf (überwiegend in Dollar und Euro), zahlen außergewöhnlich hohe Zinsen und erleiden plötzliche Kreditstopps.

Das Spiel der Ratingagenturen

So ist etwa Ghanas Schuldenquote (83,5%) deutlich niedriger als Griechenlands (206,7%) oder Portugals (130,8%). Trotzdem bewertet Moody’s ghanaische Staatsanleihen mit B3, mehrere Stufen niedriger als die Griechenlands (Ba3) und Portugals (Baa2). Ghana zahlt auf zehnjährige Anleihen etwa 9% Zinsen; Griechenland und Portugal zahlen lediglich 1,3% bzw. 0,4%.

Die großen Rating-Agenturen (Fitch, Moody’s und S&P Global) weisen den meisten reichen Ländern und vielen Ländern höheren mittleren Einkommens Investment-Grade-Ratings zu, aber fast allen Ländern niedrigen mittleren Einkommens und allen einkommensschwachen Ländern Ratings, die darunter liegen. Bei Moody’s etwa haben derzeit nur zwei Länder niedrigen mittleren Einkommens (Indonesien und die Philippinen) ein Investment-Grade.

Billionenbeträge aus Pensionskassen, Versicherungen, Banken und anderen Investmentfonds werden aufgrund von Gesetzen, Verordnungen oder internen Verfahren von Wertpapieren weggelenkt, die kein Investment-Grade-Rating aufweisen. Ein Investment-Grade-Länderrating ist äußerst schwer wiederzuerlangen, sofern die Regierung nicht die Unterstützung einer wichtigen Notenbank genießt. Während der 2010er Jahre verloren 20 Regierungen – darunter die von Barbados, Brasilien, Griechenland, Tunesien und der Türkei – ihr Investment-Grade-Rating. Von den fünf Ländern, die es seitdem zurückgewonnen haben, sind vier in der EU (Ungarn, Irland, Portugal und Slowenien) und keins in Lateinamerika, Afrika oder Asien (das fünfte ist Russland).

Kreditvergabe an Entwicklungsländer zu anständigen Marktbedingungen 

Eine Überarbeitung des globalen Finanzsystems ist daher dringlich und längst überfällig. Entwicklungsländer mit guten Wachstumsaussichten und dringendem Entwicklungsbedarf sollten verlässlich und zu anständigen Marktbedingungen Kredite aufnehmen können. G20 und IWF sollten zu diesem Zweck ein neues, verbessertes Rating-System entwickeln, das die Wachstumsaussichten und die langfristige Tragfähigkeit der Schulden jedes Landes berücksichtigt. Die Regeln der Banken – wie etwa der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – sollten dann im Einklang mit diesem verbesserten Rating-System überarbeitet werden, um ihnen eine Ausweitung ihrer Kreditvergabe an die Entwicklungsländer zu erleichtern.

G20 und IWF sollten ihre finanzielle Feuerkraft nutzen, um einen liquiden Sekundärmarkt für Staatsanleihen der Entwicklungsländer zu schaffen und so plötzliche Kreditstopps künftig zu verhindern. Die Fed, die EZB und andere wichtige Notenbanken sollten Währungsswaps mit den Notenbanken der Länder niedrigen und niedrigen mittleren Einkommens schließen. Die Weltbank und andere Institutionen zur Entwicklungsfinanzierung sollten ihre Subventionen und Vorzugsdarlehen an die Entwicklungsländer – insbesondere an die ärmsten Länder – stark ausweiten. Und wenn einige reiche Länder und Regionen – darunter mehrere US-Bundesstaaten – die Förderung der Geldwäsche und von Steueroasen einstellen würden, hätten die Entwicklungsländer mehr Steuereinnahmen, um Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung zu finanzieren.

Aus dem Englischen von Jan Doolan, erschienen auf Project Syndicate


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Kurzprofil

Jeffrey D. Sachs
ist Ökonom und seit 2002 Sonderberater der Millennium Development Goals. Er ist Direktor des UN Sustainable Development Solutions Network sowie Direktor des Earth Institute an der Columbia University.
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