Deutscher Gewerkschaftsbund

14.01.2021
Podcast

Zuversichtlich zu sein bedarf es wenig

Kolumne: ABC mit Renée

Podcast-Dauer: 7 Minuten
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In ihrer ersten Podcast-Kolumne im neuen Jahr hat sich unsere Autorin Renée Zucker den Buchstaben G vorgenommen, G wie Glück oder auch G wie Gleichmut. Vor allem Gleichmut wird man in der aktuellen Lage wohl noch eine Weile brauchen, um gut und vielleicht sogar glücklich durch dieses Jahr zu kommen.

Kolumnentext:

Konnte man schon mit buddhistischem Gleichmut und ausreichend Abenteuer- und Optimismusgenen dem Jahr 2020 etwas Gutes abgewinnen, wie freudig schauen wir da erst 2021 entgegen. Denn offenbar sind Hoffnung und Vertrauen unverwüstliche menschliche Eigenschaften. Dass das in Bhutan seit Jahrhunderten der Fall ist, wissen wir hier schon lange und winken allmählich genervt ab, wenn uns jedes Jahr aufs Neue die Bilder von unermüdlich lachenden Bhutanern präsentiert werden. Dass aber gute Laune und Zukunftsoptimismus nun auch in Deutschland gelebt werden, ist tatsächlich verblüffend und angesichts von 20 Prozent unzufriedenen AfD-Wählern geradezu unverständlich.

Vom staatlichen Niedergang sind nur AfD-Wähler überzeugt

Indes waren 61 Prozent von 5.000 befragten Menschen (im Auftrag des "Spiegel" von Civey) zuversichtlich, was ihr zukünftiges, persönliches Wohlergehen betrifft. Fragte man sie jedoch nach der wirtschaftlichen Zukunft des Landes, schwand die Zuversicht und die bekannte landestypische Skepsis brach sich Bahn. Allein, wie kann das sein: dem Land geht es nicht so richtig gut, mir aber schon? Besonders eklatant ist diese Haltung bei FDP-Wählern zu verzeichnen. Was eventuell darauf hindeutet,  dass sie entgegen der eigenen Einschätzung, nicht wirklich Ahnung von Volkswirtschaft haben, dafür aber natürlich einerseits genug Geld auf Tasche für das persönliche Wohlergehen und andererseits als Aktien- und Unternehmensbesitzer immer an besserer Wirtschaftslage interessiert sind...

Konsequent pessimistisch und sowohl von privatem wie staatlichem Niedergang überzeugt, sind AfD-Wähler – aber deren Laune ist vielleicht schon seit Generationen genetisch immer auf dem Tiefpunkt. Sie sind die Erfinder des Briefschlusses: „alles Scheiße, deine Elli“. Aber auch hier kommt Hoffnung auf: Sie werden nicht mehr lange sein, denn niemand will mit sowas sein Leben verbringen oder sich gar damit  vermehren.

Christdemokraten, Sozen und Grüne-Wähler sind hingegen zu über zwei Dritteln frohgemut, im Westen etwas gut gelaunter als im Osten. Besonders fröhlich scheinen Sozialdemokraten, was für eine gewisse, wenngleich sympathisch naive Robustheit spricht und vielleicht mal irgendwann belohnt wird.

Viele Menschen sind Millionäre und wissen es nicht

Aber ist diese neue deutsche Zuversicht nur Folge eines fatalen Fehlers  der Mittelschicht? Ich erliege diesem Irrtum auch häufiger. Ich halte mich für reich, obwohl ich weiß, dass das nicht stimmt. Verglichen mit dem Jahreseinkommen von wirklich Reichen bin ich arm. In der FAZ konnte man in einer Beispielrechnung von einem Zahnarzt und seiner Anwaltsgattin lesen, sie hätten (neben ihren Immobilienwerten) 400.000 Mäuse auf dem Girokonto. Offenbar ein FAZ-Leser phänotypisches Beispiel. Dennoch hielt ich mich immer für reich, egal wie viel oder wenig ich verdiente. Allein die Tatsache, dass ich im Biomarkt 3,50 Euro für ein Kilo Äpfel bezahle, was ja 7 Mark sind, lässt mich fest daran glauben. Erst neulich war auch zu lesen, dass viele Menschen unter uns gar nicht wissen, dass sie Millionär sind.

Bevor Sie sich jetzt freuen: Wenn sie weder Depot noch Immobilie besitzen, lassen Sie sofort alle Hoffnung fahren und gucken stattdessen auf Ihren Kontoauszug. Da steht, was zumindest in der persönlichen Finanzwelt der Fall ist. Nach Depotauszugsdaten gibt es offiziell 400.000 Millionäre in Deutschland, wenn man allerdings noch Immobilienbesitz dazu zählt, sind es schon 1,5 Millionen laut Credit Suisse.  Allzu viele Hoteliers und Gastronomen können nicht darunter sein, hier bangen nämlich drei von vier um ihre Existenz und jeder Vierte denkt ans Aufgeben. Da wird nicht mal mehr Wirt, wer nichts wird.

Waschmaschinen werden in der Corona-Zeit gern gekauft

Dass ich ohne zu zucken 3,50 Euro für ein Kilo Äpfel bezahle, schiebe ich mal Corona in die Schuhe. Man kann ja sonst kaum was kaufen. Als neulich der freundliche Herr von Bosch vorbeikam, um die Spülmaschine zu reparieren, sagt er, alle Waschmaschinen seien auf Monate hinaus ausverkauft, wo die Leute jetzt so viel zuhause seien, werde ununterbrochen gewaschen und da sagt dann der Vater: Mensch, diese olle Maschine, die kann ich bald nicht mehr sehen – und schon bestellt man sich ne Neue...  Kein Wunder, dass wir bald glücklicher sind als die in Bhutan.

Natürlich wissen wir seit Kindergartentagen, dass Geld allein nicht glücklich macht. Aber da wir 2021 garantiert keine Millionäre werden, können wir mit oder ohne schicke neue Waschmaschine weiterhin zuversichtlich sein.

Literaturtipp: Heilen aus eigener Kraft

Und was sollen wir lesen? Ich bin gerade sehr begeistert von Daniel M. Davis "Heilen aus eigener Kraft - Wie ein neues Verständnis unseres Immunsystems die Medizin revolutioniert", das schon 2018 erschien. Es handelt sich nicht, wie man wegen dieses deutschen Titels annehmen könnte, um einen esoterischen Ratgeber, sondern ist vielmehr eine unglaublich spannende und sehr unterhaltsame Geschichte der immer wieder neuen Entdeckungen in unserem Immunsystem.  Davis ist Professor für Immunologie und Forschungsdirektor in Manchester und ein Mann von großer Bildung und hinterhältigem Witz. So erzählt er z.B. davon, wie der kanadische  Immunologe Ralph Steinmann, der eine neue, stachelige Zellenart entdeckt hatte, sie zuerst nach seiner Frau "Claudiazyten" nennen wollte.

Obwohl das wirklich ein romantisches Vorhaben war, entschied er sich dann doch für die Bezeichnung "dendritische Zellen", abgeleitet vom griechischen "dendron" für Baum. Diese dendritischen Zellen sind von so unglaublicher Wichtigkeit für unser Immunsystem, wie wir Im Laufe des Buches erfahren, dass Steinmann zusammen mit zwei anderen Immunologen den Nobelpreis verliehen bekam – das Komitee hatte nicht gewusst, dass er 3 Tage zuvor gestorben war. Claudia hat den Preis entgegen genommen und vielleicht bedauerte sie, nicht doch auf "Claudiazyten" bestanden zu haben...

Ein wirklich tolles Buch (dem ich die neue, elektrisierende Information verdanke: "die Natur ist schlüssig. Es gibt auf alles eine Antwort") von einem wirklich großartigen Geschichtenerzähler und leidenschaftlichen Wissenschaftler. Vermutlich kein Millionär.

Buchumschlag von "Heilen aus eigener Kraft" von Daniel M. Davies

DVA

Daniel M. Davies: Heilen aus eigener Kraft. Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg, DVA, München 2019, 336 Seiten, 24 Euro.


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Kurzprofil

Renée Zucker
Renée Zucker arbeitet als freie Autorin für zahlreiche Medien.
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