Deutscher Gewerkschaftsbund

07.11.2012

Eine Theorie globaler Ungleichheit oder ”Why Nations Fail”

Über das Buch: "Why Nations Fail" von Daron Acemoglu und James A. Robinson; Crown Business New York 2012


Das Analyseszenario der Neuerscheinung „Why Nations Fail“ wird bereits auf dem Cover abgebildet: Hochhäuser und Bauaktivitäten im scharfen Kontrast zu einem Elendsquartier. Der reiche Teil liegt in Nogales im US-Bundesstaat Arizona. Die ärmere Schwesterstadt gleichen Namens befindet sich südlich des Grenzzauns in der Provinz Sonora in Mexiko. Mit Nogales als wegweisendem Beispiel erheben die Autoren Daron Acemoglu und James A. Robinson den Anspruch, eine allumfassende Theorie zu den Ursachen oft zählebiger Entwicklungsunterschiede zu formulieren. Warum gedeiht Wohlstand in dem einen Land, während die Menschen in anderen Regionen unter Armut leiden? Bereits die Fragestellung ist ein Klassiker und hat in allen Zeiten Debatten in Wissenschaft, Religion, Philosophie und Politik ausgelöst.

Daron Acemoglu ist Ökonomieprofessor am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Sein Coautor James A. Robinson forscht im Bereich politische Wissenschaften und Ökonomie an der Harvard University. Ihr gemeinsames Werk fasst fünfzehnjährige Studien und Erfahrungen zusammen, die sie laut Untertitel zum Thema „The Origins of Power, Prosperity, and Poverty“ gemacht haben. Der letzte Ökonom, der mit einer ähnlich ganzheitlichen Ambition schrieb, war einem Rezensenten von Spiegel-Online zu Folge Karl Marx. Mit Blick auf die revolutionären Konsequenzen des Marxismus ist die Parallele sicher etwas gewagt. Trotzdem, die Beobachtungen von Acemoglu und Robinson können als seriöser Versuch gelten, Impulse zu geben, mit dem Ziel, die Welt zum Besseren zu verändern.

Die kleinen Unterschiede

Im Zentrum ihrer Forschungsarbeit steht die Analyse über wohlstandsfördernde oder -hemmende politische und ökonomische Institutionen und Prozesse. Belege werden nicht zuletzt in der Geschichte gefunden. Warum avancierte gerade Großbritannien im 18. Und 19. Jahrhundert zur weltweit führenden Industrienation? Die Antwort liegt nicht in der Zufälligkeit, dass der Engländer James Watt die Dampfmaschine erfunden hatte. Nein, die tiefere Wahrheit ist, dass er auf historisch tief verwurzelte gesellschaftliche Veränderungsprozesse aufbauen konnte. Seine technische Genialität wurde motiviert und gesichert durch Patentschutz und eine Garantie, die Ergebnisse ökonomisch zu verwerten. Die Autoren vergleichen diese Entwicklung mit der genetischen Entwicklung von Lebewesen, die in einer längeren Zeitperiode wachsen und einen Organismus formen. So veränderte sich auch die englische Gesellschaft. Selbstverständlich denken sie dabei nicht an irgendeine Form von Biologismus. Es sind vielmehr „critical junctures“, d.h. Kristallisationspunkte, die mit Hilfe von Konflikten und revolutionären Veränderungen Fortschritte einleiten und steuern.

Der Unterschied zum übrigen Europa begann bereits mit der Magna Charta (1215). Der englischen Bevölkerung gelang es Schritt für Schritt die institutionellen Machtbefugnisse des Königs und des Adels zu begrenzen. So entstand schließlich eine Gesellschaft, in der traditionelle Eliten die Prozesse nicht mehr nach eigenen Einkommensinteressen steuern konnten. Der durchschlagende Erfolg von James Watts Dampfmaschine machte gleichzeitig alte Produktionsmethoden wertlos. In der Terminologie von Acemoglu und Robinson resultierte daraus „creativ destruction“ - also eine Periode mit schöpferischer Zerstörung, die letztlich in größere Prosperität und Wohlstand mündete.

Schlüsselfaktoren

Das englische Muster wurde mit Zeitverzögerung auch in Westeuropa samt USA, Kanada, Australien und Japan übernommen. Trotz historischer und kultureller Unterschiede bekamen diese und weitere Nationen einen gemeinsamen Nenner. Der Schlüsselbegriff von Daron Acemoglus und James A. Robinson lautet „inclusive economics and institutions“. Zielvorstellung ist somit eine Art freie Wirtschaft mit offenen Institutionen und pluralistischen Regierungsformen.
Konkret gemeint ist damit auch, dass James Watt oder eine moderne Gestalt wie ”Bill Gates” auf einem System aufbauten, das ihre Innovationen vor Enteignung oder durch Wegsteuerung des Gewinns schützte. Notwendig sind weiterhin funktionierende Verwaltungen sowie unabhängige Gerichte. Zu den fördernden Grundbedingungen gehören anders ausgedrückt die Gewaltenteilungselemente des französischen Philosophen Charles de Montesquieu.

Neben formalen Aspekten haben die Autoren qualitative Ansprüche an die jeweiligen Regierungen. Sie sollen Korruption bekämpfen und dürfen kein Instrument in den Händen von Personen sein, die ihre Partialinteressen rücksichtslos gegenüber der Mehrheitsbevölkerung durchsetzen. Der Bedingungskanon wird komplettiert durch einen Mindeststandard an staatlicher Zentralisation.

Die Abwesenheit von einem oder mehreren Faktoren erhöht den Forschern zufolge das Risiko einer Bildung von ”extraktiven” bzw. ausbeutenden politischen und wirtschaftlichen Systemen. Die Machthaber achten dann hauptsächlich auf den eigenen oder den Wohlstand von Eliten, von denen sie abhängig sind.

Das „eiserne Gesetz“ der Oligarchie

Armut in Kontinenten wie Afrika oder Südamerika gehört zum Erbe europäischer Kolonialmächte. Mit einer solchen allgemein akzeptierten Ursachenbeschreibung geben sich die Autoren indes nicht zufrieden. Der spezielle Forschungsansatz von Daron Acemoglu und James A. Robinson beleuchtet vielmehr die postkoloniale Entwicklung verschiedener Länder. Warum ist Zimbabwe eine fehlgeschlagene Nation während das Nachbarland Botswana als geglücktes Beispiel gilt? Beide Staaten waren früher Teil des britischen Kolonialreiches.

Zimbabwe wird seit 1980 vom berüchtigten Präsidenten Robert Mugabe regiert. Er und andere afrikanische Herrscher sind einer dramatischen Fehleinschätzung unterlegen. Sie haben die „weißen“ extraktiven Institutionen übernommen und mit einer neuen Elite ausgefüllt. Die Autoren sprechen vom „iron law of oligarchy“. Der korrupte und repressive Regierungsstil des Präsidenten Mugabe dient dazu, seine und die Brieftaschen von Clanmitgliedern sowie Anhängern der früheren Befreiungsorganisation ZANU-PF zu füllen
Ein völlig absurdes Beispiel von Machtvollkommenheit ist für Acemoglu und Robinson der Gewinn einer staatlichen Lotterie durch Robert Mugabe. Im Juni 2000 zog der Präsident das große Los. Er erhielt den ersten Preis von Z$ 100.000,- einer Lotterie der staatlichen Zimbabwe Banking Corporation. Er kann die „extraktiven“ Institutionen des Landes bis ins Detail kontrollieren.

Was in solchen Ländern fehlt, ist ein Prozess zur Befriedung innerer Konflikte sowie eine Politik, die staatliche Ressourcen verwendet, um wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen. Zimbabwes tristes Schicksal wird den Verfassern zufolge auch von Angola, Kamerun, Kongo, Sierra Leone, Liberia, Nepal, Sudan und Haiti geteilt. Diese und andere Länder sind heute ärmer als in den 60er Jahren.

Den Teufelskreis verlassen

Elend und tiefe Armut dominierte auch die postkoloniale Perspektive für Botswana. Zum Zeitpunkt seiner Unabhängigkeit 1966 gehörte es zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit einem Wirtschaftswachstum von zeitweilig bis zu zehn Prozent rangiert Botswana heute auf einem mittleren Platz in der Einkommensskala. Durch eine für afrikanische Verhältnisse beispielhafte Prosperität gelang es dem Land den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Nach Daron Acemoglus und James A. Robinsons Recherchen ist Botswanas afrikanisches Wirtschaftswunder keine zufällige Entwicklung. Wie die Autoren ermittelten, war das Gebiet bereits während vorkolonialer Zeit von einer ungewöhnlich hohen politischen Zentralisierung zwischen den Stämmen geprägt. Bereits praktiziert wurden demzufolge auch Ansätze einer kollektiven Beschlussfassung mit primitiven Formen von Pluralismus.

Den postkolonialen Führern gelang es, an diese traditionellen Institutionen erneut anzuknüpfen. Das Ergebnis ist eine vorbildliche parlamentarische Demokratie mit „inklusiven Institutionen“. Die Ressourcen des Landes, seien es Steuern oder Rohstoffe, wurden nicht von herrschenden Politikern und deren Clanmitgliedern vereinnahmt. Sie wurden vielmehr in den Aufbau einer Infrastruktur sowie eines funktionierenden Gesundheits- und Schulwesens investiert. Auch hinsichtlich der Politikerpersönlichkeiten hatten die Einwohner Glück. Vom Volk gewählte Präsidenten wie Seretse Khama und Quett Masire zeigten keine Ähnlichkeiten mit Robert Mugabes brutalem Führungsstil.

China versus Brasilien

Interessant und zweifellos auch provozierend ist das Kapitel, welches die Autoren dem chinesischen Entwicklungsmodell widmen. Ihr politisches Urteil, nach dem das asiatische Land von einer autoritär bürokratischen Parteielite gesteuert wird, die keine demokratischen Grundrechte zulässt, wird vermutlich von niemandem ernsthaft bestritten. Auch zu Chinas aktueller Rolle als einer der wichtigsten Motoren der Weltkonjunktur herrscht sicher Konsens. In ihrer Studie sprechen die Autoren mit einem kritischen Unterton vom „autoritärem Wachstum“ im Zeichen des Drachen. Dieses Wachstum sei möglich, aber langfristig nicht haltbar. Sie schreiben: „..the growth will run out of steam unless extractive political institutions make way for inclusive institutions“. Ihre Prognose gilt für einen Zeithorizont, bis zu dem die gut 1,3 Milliarden Chinesen einen Lebensstandard vergleichbar mit Staaten durchschnittlichen Einkommens erreicht haben. Als ein Grund für ihre negative Beurteilung geben sie an, dass Chinas Wachstum auf der Aneignung vorhandener Technologien und schnellen Investitionen beruht. Was fehlt sind demnach „creative destructions“ und ein gesundes Belohnungssystem mit Eigentumsrechten an Innovationen.

”Brazil broke the mold”, lautet dagegen das Lob für das größte lateinamerikanische Land. Brasilien hat Erfolg. Es brach sein koloniales Muster mit entscheidenden „critical junctures” zur allmählichen Veränderung der Gesellschaft. Die Reformen begannen in den 70er Jahren. Triebfeder war nicht zuletzt die Gewerkschaftsbewegung als eine Wurzel der 1980 gegründeten Arbeiterpartei ”Partido dos Trabalhadores” (PT) erläutern Acemoglu und Robinson. Zusammen mit anderen sozialen Bewegungen und Netzwerken auf Graswurzelniveau entstand eine breite Koalition mit demokratischer Grundorientierung. Parallel zu den pluralistischen Strukturen wuchsen auch offene „inclusive political institutions“. Brasiliens Präsident wurde der PT-Vorsitzende Lula da Silva. Während seiner Regierungszeit blühte das wirtschaftliche Wachstum, mit dessen Hilfe 20 Millionen Menschen den Sumpf der Armut verlassen konnten.

Daron Acemoglus und James A. Robinsons Werk beinhaltet eine Theorie mit substantiellen Eckpfeilern für ökonomischen Erfolg. Der Anspruch der Autoren ist es, mehr erklären zu können als traditionelle Hypothesen, allerdings dürfen die Aussagen nicht als einfache Rezeptur zum Aufbau von Wohlstand missverstanden werden. Wichtig ist indessen, dass aus Veränderungen selbst in kleinen Details langfristig nützliche Strukturen wachsen können.


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Joachim Kasten
Lehrer an der Handelsschule Holstenwall in Hamburg
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