Deutscher Gewerkschaftsbund

10.09.2019

Kapitalismus und Klimaschutz

Wenn die Verteidiger des Kapitalismus jetzt nicht sehr viel ehrgeizigere Maßnahmen beim Klimaschutz unterstützen, sollten sie sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen den Kapitalismus als Teil des Problems sehen und nicht als Teil der Lösung.

 

Von Adair Turner

Alexandria Ocasio-Cortez spricht zu Bürgern bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Alexandria Ocasio-Cortez und andere Abgeordnete des US-Kongresse fordern einen „Green New Deal“, da „Klimawandel und Umweltgefahren zu den existenziellen Bedrohungen für unsere Lebensweise gehören". DGB/Ocasio-Cortez Campaign

In diesem Jahr wird es deutlicher denn je: Die globale Erwärmung ist real und kann schwerwiegende, potenziell katastrophale Folgen für die Menschheit haben. Weltweite Rekordtemperaturen im Juni und Juli; beispiellose Hitzewellen in Australien und Indien mit Temperaturen über 50 Grad Celsius, enorme Waldbrände in weiten Teilen Nordrusslands. All dies sind Anzeichen, dass wir immer weniger Zeit haben, um die Treibhausgas-Emissionen zu senken und die globale Erwärmung zumindest zu begrenzen.

Die Reaktion darauf sind immer mehr Forderungen nach radikalen Maßnahmen. In den USA argumentieren die Befürworter des „Grünen New Deals“, dass das Land bis 2030 eine kohlenstofffreie Volkswirtschaft werden müsse. Im Vereinigten Königreich verlangen Aktivisten der Bewegung „Extinction Rebellion“ dasselbe bis 2025 und haben durch sehr wirksame Formen zivilen Ungehorsams den Londoner Verkehr schwer beeinträchtigt. Zudem gewinnt das Argument Befürworter, dass zur Vermeidung einer Klimakatastrophe der Kapitalismus abgeschafft werden müsse.

Eine kohlenstofffreie Wirtschaft lässt sich in 30 Jahren erreichen

Unternehmen, Wirtschaftsverbände und andere Einrichtungen des Establishments raten angesichts dieser Radikalisierungswelle zu Vorsicht und maßvollerem Handeln. Eine Reduzierung der Emissionen bereits 2030 wäre enorm kostspielig und würde Veränderungen beim Lebensstandard erfordern, die die meisten Menschen nicht akzeptieren würden. Illegale Maßnahmen, die das Leben anderer stören, so das Argument, würden die öffentliche Unterstützung für notwendige Maßnahmen untergraben. Eine bezahlbarere und allmähliche Senkung der Emissionen wäre besser und würde die Katastrophe auch verhindern. Dabei könnten die innerhalb des kapitalistischen Systems operierenden Marktinstrumente wirkungsstarke Hebel des Wandels sein.

Diese Gegenargumente sind überzeugend. Die Kosten für das Erreichen einer kohlenstofffreien Wirtschaft würden sich drastisch erhöhen, wenn wir versuchten, innerhalb von zehn statt 30 Jahren dorthin zu kommen. Die meisten Formen von Investitionsgütern müssen innerhalb von 30 Jahren ohnehin ersetzt werden; eine Umstellung auf neue Technologien in diesem Zeitrahmen würde daher relativ wenig kosten. Eine Umstellung innerhalb von zehn Jahren dagegen würde die Unternehmen zwingen, enorme Mengen von bestehenden Vermögenswerten abzuschreiben.

Eine Reihe von Ladesäulen mit E-Autos davor in einer Kleinstadt

Die Möglichkeiten für E-Mobilität reichen bei weitem noch nicht aus, nicht nur in Deutschland. DGB/Jacek Sopotnicki/123rf.com

Der technologische Fortschritt wird die Emissionssenkung in 15 Jahren viel billiger machen als heute – sei es bei Photovoltaik-Modulen, Akkus, Biokraftstoffen oder beim Flugzeugdesign. Und das Gewinnmotiv spornt Wagniskapitalgeber derzeit zu enormen Investitionen in die Technologien an, die zum Erreichen einer kohlenstofffreien Wirtschaft benötigt werden.

Zugleich sind dezentralisierte Marktmechanismen wie Kohlenstoffpreise unverzichtbar, um angesichts der Vielzahl möglicher Wege hin zur Dekarbonisierung den Wandel in Schlüsselbranchen anzutreiben. Eine sozialistische Planung ist dabei weniger effektiv: Venezuela spielt sich derzeit nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine Umweltkatastrophe ab. Und es besteht die echte Gefahr, dass übertrieben rasche Maßnahmen die Bevölkerung verprellen könnten. Schließlich wurde die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich durch Steuererhöhungen provoziert, die Dieselautos unwirtschaftlich machen sollten. Denn die Alternative fehlte. Elektrofahrzeuge sind noch nicht preiswert genug und haben nicht die nötigen Reichweiten für weniger wohlhabende Menschen außerhalb der Metropolen.

Es stimmt aber auch: die Industrie-Lobby hat Kohlenstoffsteuern verhindert

Zugleich jedoch stimmt: das kapitalistische System hat nicht schnell genug auf die Klimaherausforderung reagiert. In mancher Hinsicht hat der Kapitalismus wirksame Maßnahmen sogar behindert. Neben der Finanzierung brillanter technologischer Neuerungen durch Wagniskapitalgeber stehen Bemühungen von Industrie-Lobbyisten, die erfolgreich gegen die erforderlichen Vorschriften oder Kohlenstoffsteuern argumentierten. Wären schon vor 30 Jahren angemessene Maßnahmen umgesetzt worden, wären wir heute auf gutem Wege zu sehr niedrigen Kosten eine kohlenstofffreie Wirtschaft. Es ist Schuld des Kapitalismus, dass wir es nicht sind.

Nun muss entschieden schneller gehandelt werden. Alle entwickelten Volkswirtschaften sollten sich verpflichten, ihre Netto-Kohlenstoffemissionen bis 2050 auf null zu senken. Und null muss dabei null bedeuten – ohne dass wir so tun, als könnten wir gegen Ende des 21. Jahrhunderts noch große Mengen an fossilen Brennstoffen verbrennen und dies durch Abscheidung und Speicherung gleich großer Mengen an Kohlenstoff ausgleichen.

Greta Thunberg protestiert für den Klimaschutz.

Die zunehmenden Proteste für Klimaschutz, hier mit Greta Thunberg, in Europa und den USA erhöhen den Druck auf Politik und Industrie, die Klimaziele früher zu erreichen. DGB/Per Grunditz/123rf.com

Die Entwicklungsländer sollten bis spätestens 2060 soweit sein. Dies würde uns noch immer einem beträchtlichen, unvermeidlichen Klimawandel aussetzen. Doch es würde immerhin reichen, um eine Katastrophe zu vermeiden. Wie die Energy Transitions Commission in ihrem jüngsten Bericht Mission Possible beschrieben hat, ist es noch immer möglich, dieses Reduktionsziel unter relativ geringen wirtschaftlichen Kosten zu erreichen, sofern wir die für rapide Veränderungen nötigen Maßnahmen unverzüglich einleiten.

Es sollten ausreichend hohe Kohlenstoffsteuern eingeführt werden, und künftige Erhöhungen sollten weit im Voraus angekündigt werden, um die Investitionsplanungen voranzutreiben, die zur langfristigen Dekarbonisierung der Schwerindustrie erforderlich sind. Durch Einsatz von Kohlenstoffzöllen sollte verhindert werden, dass die Industrie durch Importe aus Ländern, die keine angemessenen Kohlenstoffpreise festlegen, unterboten wird. Fluggesellschaften sollten entweder mit stetig steigenden Kohlenstoffpreisen konfrontiert werden oder mit Vorschriften, die sie zwingen, einen wachsenden Anteil kohlenstofffreier Kraftstoffe aus eindeutig nachhaltigen Quellen zu nutzen. Bis spätestens 2050 müssten sie zu 100 Prozent kohlenstofffrei fliegen.

Ein Verkaufsverbot für Autos mit Verbrennungsmotoren ab 2030 wird wirksam sein

Grobschlächtige, aber wirksame Instrumente sollten ebenfalls Bestandteil des politischen Instrumentariums sein – so ein Verkaufsverbote für Autos mit Verbrennungsmotoren ab einem konkreten Zeitpunkt wie 2030. Und die Vorschriften sollten die Entsorgung von Kunststoffen in Deponien und Verbrennungsanlagen untersagen und so die Entwicklung eines in sich geschlossenen Recyclingsystems für Kunststoffe erzwingen.

Keine dieser Maßnahmen ist kapitalismusfeindlich. Vielmehr sind es Maßnahmen, die wir brauchen, um die Kraft des Kapitalismus zur Lösung des Problems zu nutzen. Sind erst einmal klare Preise und Regeln vorhanden, werden der Marktwettbewerb und das Gewinnmotiv die Innovation antreiben. Skalen- und Lernkurveneffekte werden die Kosten für kohlenstofffreie Technologien nach unten drücken. Ohne diese Kraft freizusetzen, dürften wir fast mit Sicherheit dabei scheitern, den Klimawandel zu begrenzen.

Anhänger der Marktwirtschaft sind bestürzt über die radikalen Stimmen, die argumentieren, dass der Kapitalismus mit wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels unvereinbar sei. Doch wenn die Verteidiger des Kapitalismus jetzt nicht sehr viel ehrgeizigere Maßnahmen unterstützen, um bis Mitte des Jahrhunderts die Nettoemissionen auf null zu reduzieren, sollten sie sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen den Kapitalismus als Teil des Problem sehen und nicht als Teil der Lösung. Sie hätten dann Recht damit.

 


Aus dem Englischen von Jan Doolan / Project Syndicate, 2019


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Kurzprofil

Adair Turner
Adair Turner ist ein britischer Ökonom, Manager und Hochschullehrer, der seit 2005 Mitglied des House of Lords ist. Zudem sitzt Lord Turner dem Committee on Climate Change vor. Bis zum 31. März 2013 war er Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsichtsbehörde Financial Services Authority.
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